- traucheck Redaktion
Abschiede müssen nicht leise, grau und sprachlos sein.
Sie dürfen ehrlich sein. Warm. Lebendig. Und manchmal sogar von einem Lächeln durchzogen. Conni Köpp hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese neue Art des Abschiednehmens mitzugestalten. Als freie Rednerin begleitet sie Menschen an einem der sensibelsten Punkte des Lebens – dort, wo Worte fehlen, Erinnerungen drängen und Gefühle keinen festen Rahmen haben. Was sie auszeichnet, ist ihre tiefe Überzeugung, dass jedes Leben gesehen und gewürdigt werden darf – auch (und gerade) im letzten Kapitel. Mit großer sprachlicher Klarheit, psychologischem Feingefühl und einer spürbaren Nähe zu den Menschen schafft sie Räume, in denen Trauer viele Farben haben darf und Dankbarkeit ebenso Platz findet wie Schmerz.
Im Interview spricht Conni Köpp darüber, warum Abschiede anders klingen müssen als früher, weshalb Worte heilen können, wie sich unsere Trauerkultur wandelt – und warum sie überzeugt ist, dass wir dem Tod die Sprache nicht überlassen dürfen. Ein Gespräch über Verantwortung, Wahrhaftigkeit und den Mut, Abschied neu zu denken.
Wann wusstest du: Abschiede müssen anders klingen – wärmer, wahrhaftiger, menschlicher?
Ich habe viele Menschen im Leben verloren, und nicht immer war es ein schöner Abschied. Ich nahm mir fest vor, ein anderes Konzept zu fahren. Und heute bin ich für alle fast nur noch die Trauerrednerin, statt die Hochzeitsrednerin, die ich seit 2012 bin! Mir ist wichtig, den 'neuen' Trauermarkt mit zu gestalten. Heller, bunter, lebensnaher. Ich möchte erzählen, nicht flüstern. Da war einmal so viel Leben im Raum, das soll auch in den Worten vorkommen. Wenn wir schon gehen müssen, dann bitte nicht sprachlos. Sondern ehrlich. Und gern mit einem Lächeln mitten in den Tränen. Trauer hat so viele Farben und Gesichter. Und ich mag, wenn kleine Welten aufgebaut werden, statt nur Blumen um die Urne zu legen.
Du sagst, jedes Leben verdient Applaus – auch das letzte Kapitel. Was bedeutet dieser Gedanke für deine Arbeit?
Für mich ist das Leben das größte Geschenk. Der Tag des gemeinsamen Abschieds trägt den Titel 'Dankbarkeit'. Es ist ein kollektives Erinnern, in dem wir eine Reise durch ein ganzes Dasein machen. Wir erkennen unsere Endlichkeit und verstehen, wie kostbar jeder Augenblick ist.
Ich bin das Sprachrohr für die, die traurig sind und keine Worte finden. Applaus heißt für mich: hinschauen und würdigen – selbst die Brüche und Umwege. Es geht nicht um Standing Ovations, sondern um diese innere Zustimmung: JA! DIESES LEBEN WAR DA! Wobei der Abschied junger Menschen sich oft sehr unterscheidet von denen, deren Vorhang auf ihrer Lebensbühne sich erst mit 90 Jahren schloss.
Du glaubst an die Kraft des Wortes. Wann hast du erlebt, dass Worte wirklich trösten können?
Es ist die Mischung aus Stimme, Wort und Darbietung. Schon im Trauergespräch können wir trösten, an mancher Stelle sogar heilen, wenn sich die Angehörigen wirklich gesehen fühlen. Heißt es nach der Feier: „Genau so war er / sie, jetzt kann ich wieder atmen!“ - dann, weil es nicht nur um schöne letzte Worte ging, sondern um die, die stimmten. Wenn Sprache das Unsagbare nicht erklärt, sondern begleitet, wie eine Hand auf der Schulter, die nichts fordert, dann hat das enorme Kraft. Aber tatsächlich geht es auch um den Umgang und den Gebrauch mit Worten, denn sie alle haben eine Schwingung – hoch oder niedrig.
Was wünschst du dir, dass Menschen nach einer von dir begleiteten Trauerfeier mit nach Hause nehmen?
Natürlich auch das Gefühl: wir waren nicht allein mit dem, was weh tut. Und dass bei jedem noch mal Erinnerungen aufploppen. Und dass jeder der Gäste erfahren hat, wie 'schön' Abschiede gestaltet werden können. Wie liebevoll und würdevoll. Wie einzigartig – so, wie es jeder Mensch auf Erden ist. Ich will das Gefühl vermitteln, wie wichtig dieser Tag des Abschieds ist, und dass die Familie niemals enttäuscht, sondern immer dankbar zurückblickt. Es gibt für diesen Tag keine zweite Chance.
In den letzten Jahren wechseln auffallend viele Redner:innen aus der Hochzeits- in die Trauerredner-Branche. Was sagt das wohl über den Wandel unserer Abschieds- und Feierkultur – und vielleicht auch über das Bedürfnis nach mehr Tiefe, Wahrhaftigkeit und Sinn?
Beides sind Schwellenmomente. Und beide verdienen Sprache, die trägt. Es geht nicht um das perfekte Event, sondern um das echte Gefühl. Hochzeiten werden oft immer kleiner, intimer gefeiert. - Und Trauerfeiern erlauben etwas, das wir oft verlernt haben: Tiefe. Da bricht manchmal aus, was tief in uns verborgen war. - Der Wechsel hat auch seine Schattenseiten: man stellt es sich einfacher vor, als es ist. Vor glücklichen, verliebten Paaren zu sitzen, ist völlig anders, als in ein Wohnzimmer zu kommen, in dem eine Familie um den Tod eines Kindes weint. - Trauerredner*innen müssen im Gegensatz zu Trauredner*innen noch viel mehr mitbringen: psychologisches Feingefühl, sprachliche Präzision und die Fähigkeit, fremden Schmerz auszuhalten, ohne sich darin zu verlieren. Es geht hier nicht um Trauerpoesie, sondern um echte Beziehungsarbeit unter enormem Hochdruck in oft sehr kurzer Zeit. Es geht darum, Menschen zu führen, zu lesen, zu tragen, sich mit ihnen zu verbinden, damit sie sich öffnen. - In der Trauerredner-Branche boomt die 'Freie Rede' – das allein mag schon ein großer Anreiz sein, zu wechseln bzw. beides anzubieten.
Was wünschst du dir von Kolleg:innen der Trauerbranche – und was darf sich noch dringend verändern?
Abschiedsreden dürfen keine Sammlung von Floskeln sein, sondern von Persönlichkeit. Abschied ist kein Baukasten, sondern muss immer individuell, einzigartig und persönlich sein. Ich bin immer wieder erstaunt, dass zu wenige Kolleg:innen sich keine Rückmeldung geben lassen. Zu selten wird 'der letzte Brief' abgesegnet. Für mich war das von Anfang an gesetzt! Ich will auch nicht frei sprechen, denn zu oft können manche an einer Abschiedsfeier nicht teilnehmen. Da meine Familien immer die Rede vorher bekommen, können sie sie weiterleiten. Und so sitzt am anderen Ende der Stadt jemand, der zur gleichen Zeit wie ich bei einer Kerze die Rede liest. Ich finde es schön, den Trauernden Optionen an die Hand zu geben, die sie beruhigen. Ich habe schon so schlechte Reden (natürlich auch schöne!) gehört und will selbst kein 'Überraschungs-Ei' liefern. „Sie vertrauen mir oder nicht!“ sagen Kollegen, und ich sage nur: „Vertrauen muss aufgebaut werden und muss man sich verdienen!“ Wir tragen enorme Verantwortung – die nehme ich sehr ernst!
Aber natürlich hat jeder sein eigenes Konzept, das er verteidigt.
Wie sieht die Zukunft aus?
Ich denke, man wird Trauerfeiern so planen wie Hochzeiten.
Man wird sich austauschen über das, was alles möglich ist. Wir werden mehr über den Tod reden - solange wir keine Angst vorm Leben haben. Etwas zu verdrängen, was jeden Tag eintreffen könnte, kann einsam machen. Jeder denkt darüber nach. Warum denn nur im stillen Kämmerlein? Trauerfeiern werden ein Part der 'Vorsorge' sein. Man speichert sich vielleicht schon DEN Bestatter ab, der einmal gerufen wird. Man kennt seine Musik, seine Rituale, vielleicht sogar die Gästeliste, auch wenn sich die noch ändern kann. Ich denke, Abschiede werden auch mehr an alternativen Orten stattfinden, an denen man sich Zeit nehmen, sich gemeinsam austauschen, erinnern, sich tragen und trösten kann. Jeder sollte seinen Raum bekommen, loszuwerden, was er loswerden möchte. In der Kapelle, und wenn man danach direkt auseinander geht, ist das nicht möglich. Man ist allein mit seinen Gedanken und seiner Trauer. - Generell wird Vorsorge immer wichtiger. Und zumindest die Freunde sollten Bescheid wissen über das, was man sich einmal wünscht, falls man von heute auf morgen aus dem Leben gerissen wird.
Vielen Dank für das Interview, liebe Conni!
Conni Köpp
www.abschiedmalanders.de